Cola bei Kolik beim Pferd:
Die Utrecht-Studie richtig einordnen
Es klingt zunächst nach einer dieser Geschichten, die in der Stallgasse weitergegeben werden: Cola soll bei Kolik helfen. Hinter der Behauptung steckt tatsächlich eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Daraus eine Anleitung für den Stall abzuleiten, wäre jedoch ein schwerer Fehler.
Untersucht wurde nicht „Kolik“ im Allgemeinen und auch keine Selbstbehandlung. Im Mittelpunkt stand eine seltene, klar abgegrenzte Ursache für Bauchschmerzen: die Magenverstopfung. Die betroffenen Pferde lagen bereits in einer Universitätsklinik. Dort erhielt ein Teil von ihnen Cola über eine Nasenschlundsonde – eingebettet in eine tierärztlich überwachte Behandlung. Das hat mit einer Flasche Cola am Pferdemaul nichts zu tun.
Bei Kolikverdacht gilt: Den Tierarzt sofort anrufen. Geben Sie Ihrem Pferd keine Cola, keine anderen Getränke und keine Medikamente ein, sofern der Tierarzt dies nicht ausdrücklich anordnet.
Kolik ist keine Diagnose
Das Wort Kolik beschreibt zunächst Bauchschmerz. Die Ursache kann im Magen-Darm-Trakt liegen, aber auch an anderer Stelle im Bauchraum. Gasansammlungen, Verstopfungen, Verlagerungen oder Einklemmungen des Darms und Probleme im Magen können ähnlich beginnen und sich sehr unterschiedlich entwickeln. Von außen lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, was dahintersteckt.
Das macht Kolik so tückisch: Ein Pferd kann anfangs nur etwas stiller sein, das Futter liegen lassen oder wiederholt zum Bauch sehen. Andere Tiere scharren, schwitzen, legen sich häufig hin oder wälzen sich. Weniger oder kein Kotabsatz kann ebenfalls auffallen. Die Stärke der sichtbaren Symptome verrät nicht sicher, wie ernst die Situation ist. Pferdekliniken betonen deshalb, dass Kolik zügig tierärztlich abgeklärt werden muss.[2]
Was die Studie aus Utrecht untersucht hat
Die Arbeitsgruppe um Petra Witt sichtete die Krankenakten von 125 Pferden, die zwischen 2003 und 2019 wegen einer Magenverstopfung an der Universitätsklinik Utrecht behandelt worden waren. Der Fachbegriff lautet gastric impaction: Futterbestandteile sammeln sich im Magen und können nicht ausreichend weitertransportiert werden.[1]
58 Tiere erhielten im Rahmen ihrer Behandlung Cola, 67 nicht. Die Cola wurde durch eine Nasenschlundsonde direkt in den Magen gegeben. Diese Sonde wird von geschultem Fachpersonal über die Nase und die Speiseröhre eingeführt. Die Verabreichung war also Teil einer klinischen Therapie, nicht eine Maßnahme für Pferdehalterinnen und Pferdehalter.
| Gruppe | Anzahl der Tiere | Bis zur Entlassung aus der Klinik |
|---|---|---|
| Behandlung, zu der Cola gehörte | 58 | 48 Tiere (82,8 %) |
| Behandlung ohne Cola | 67 | 24 Tiere (35,8 %) |
Insgesamt wurden 72 von 125 Pferden aus der Klinik entlassen. Bei 66 Pferden, bei denen sich die Magenverstopfung auflöste, dauerte dies im Mittel 2,6 Tage; die dokumentierte Spanne reichte von einem bis elf Tagen.[1]
Die Zahlen fallen auf. Sie beantworten aber nicht die Frage, die im Stall meist als Erstes gestellt wird: „Heilt Cola Kolik?“ Die ehrliche Antwort lautet: Nein, das lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten.
Warum der Unterschied kein Beweis ist
Bei der Untersuchung handelt es sich um eine retrospektive Fallserie. Das bedeutet: Die Forschenden werteten Behandlungen aus, die bereits stattgefunden hatten. Die Pferde wurden nicht vorab nach einem Zufallsprinzip einer Cola- oder einer Vergleichsgruppe zugeteilt.
Damit bleiben wichtige Einflussfaktoren offen. Wie schwer war die Erkrankung zu Beginn? Welche weiteren Medikamente, Infusionen oder Behandlungsmaßnahmen erhielten die Tiere? Waren alle Angaben zur Menge und Anzahl der Cola-Gaben vollständig dokumentiert? Solche Fragen entscheiden darüber, ob ein beobachteter Unterschied tatsächlich auf einen einzelnen Bestandteil der Therapie zurückgeht.
Die Studie zeigt deshalb einen Zusammenhang: In dieser Klinikpopulation wurden Pferde mit Magenverstopfung häufiger aus der Klinik entlassen, wenn Cola Teil der Behandlung war. Sie beweist nicht, dass Cola allein den Unterschied verursacht hat. Ebenso wenig liefert sie eine sichere Menge, eine geeignete Sorte oder eine Dosierungsanweisung.
Weshalb Cola überhaupt untersucht wurde
Die Idee kam nicht aus einer Fütterungsempfehlung. In der Humanmedizin wird Cola bei bestimmten festen Ansammlungen im Magen diskutiert. Bei Pferden wurde vermutet, dass Eigenschaften des Getränks – etwa Säure und Kohlensäure – eine Rolle spielen könnten. Die Utrecht-Studie prüfte jedoch vor allem das Behandlungsergebnis in vorhandenen Krankenakten. Sie erklärt nicht abschließend, wie ein möglicher Effekt zustande kommt.[1]
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Forschung und Hausmittel. Ein auffälliger klinischer Befund kann ein Anlass für weitere Untersuchungen sein. Er ist noch keine Anleitung zur Anwendung.
Auffälliger Befund bei Friesen – mit der richtigen Einordnung
39 der 125 Pferde in der Auswertung waren Friesen. Das entsprach 31,2 Prozent der Studiengruppe, während Friesen 9,4 Prozent des gesamten Patientenbestands der Klinik ausmachten. Unter den mit Cola behandelten Friesen wurden 12 von 18 Pferden entlassen; bei den übrigen Rassen waren es 36 von 40.[1]
Diese Ergebnisse sind für die weitere Forschung interessant. Sie erlauben aber keine pauschale Aussage über jedes Friesenpferd. Die Daten stammen aus einer einzelnen Klinik und einer klar definierten Gruppe von Pferden mit Magenverstopfung. Ob Friesen in anderen Regionen oder in der Gesamtpopulation tatsächlich häufiger betroffen sind, lässt sich nur mit weiteren, vergleichbaren Daten beurteilen.
Was Sie bei Kolikverdacht tun sollten
In diesem Moment zählt keine Theorie, sondern ein klarer Ablauf. Rufen Sie den Tierarzt oder den tierärztlichen Notdienst an, sobald Sie Kolikanzeichen bemerken. Entfernen Sie Futter und geben Sie nichts über das Maul ein, bis Sie eine konkrete Anweisung erhalten haben. Medikamente können Symptome verändern und die Einschätzung erschweren; Flüssigkeiten oder vermeintliche Hausmittel gehören nicht in Eigenregie ins Pferd.
Beobachten Sie Ihr Pferd in sicherer Entfernung und notieren Sie, wann die Veränderungen begonnen haben. Für die tierärztliche Einschätzung sind außerdem Informationen zu Futteraufnahme, Trinken, Kot- und Harnabsatz, auffälligem Verhalten sowie kürzlichen Futter-, Weide- oder Haltungsänderungen hilfreich. Ob und wie viel das Pferd geführt werden sollte, entscheiden Sie am besten nach tierärztlicher Rücksprache und abhängig davon, ob die Situation für Mensch und Tier sicher ist.[2]
Zusammengefaßt bedeutet das:
Nicht die Cola-Flasche, sondern der Anruf zählt
Die Utrecht-Studie hat eine spannende Beobachtung beschrieben: Bei stationär behandelten Pferden mit einer diagnostizierten Magenverstopfung war die Entlassungsrate höher, wenn Cola über eine Nasenschlundsonde Teil der tierärztlichen Behandlung war. Das ist ein Ansatz für Forschung und Klinik – keine Stallapotheke.
Kolik kann viele Ursachen haben und rasch ernst werden. Wer sein Pferd schützen möchte, greift daher nicht zur Cola, sondern zum Telefon und ruft den Tierarzt an.